Published: October 4, 2008, Finanz und Wirtschaft
Private Equity greift zu
Grosse Kapitalien stehen bereit – Frühere Krisenjahre wurden Renditerenner
by Thomas Hengartner
Eine gute Nachricht ist, dass die in früheren Krisenjahren eingegangenen Investments der Private-Equity-Branche zu Renditerennern geworden sind. Die andere gute Nachricht ist, dass die Beteiligungsfonds des Sektors noch immer mit grossen Kapitalien bestückt sind. «Binnen weniger Tage sind unter den beteiligten institutionellen Investoren Milliardenbeträge abrufbar», sagt Thomas Kubr von der spezialisierten Vermögensberaterin Capital Dynamics. Der Kauf von Unternehmen kann somit rasch, gegen Bares und – wenn es sein muss – ohne Kredite des Bankensektors durchgezogen werden.
Womöglich wird Private Equity gar zu einer wesentlichen Stütze des hyperventilierenden Finanzmarktes. «Einige mir bekannte Akteure sind optimistisch, dass in der Essenz gute Unternehmen wohl bald zu günstigen Preisen zu haben sein werden», erzählt Kubr. Die gegenwärtige Verstopfung im System der Kreditfinanzierungen werde kein unüberwindbares Hindernis sein. «Private Equity funktioniert in jeder Marktverfassung, vorderhand halt wieder mit einem geringeren Kredithebel.»
Schwierige Märkte sind ideal
Die Beteiligungsmanager investierten auf einen Horizont von drei bis fünf Jahren und nur dann, wenn ihre Berechnungen gute Chancen für eine Verdrei- oder Verfünffachung des Einsatzes aufzeigten, fasst Kubr zusammen. Wesentlicher Erfolgsvorteil sei die gleichartige Risiko- und Gewinnverteilung zwischen den Führungspersonen jedes Portfoliounternehmens und den Eigenkapitalgebern. «Im Unterschied zur üblichen Situation in kotierten Gesellschaften gibt es hier erst dann richtig Geld für alle, wenn nach einigen Jahren harter Arbeit ein Weiterverkauf des Unternehmens zu einem deutlichen höheren Preis gelungen ist.»
Damit mehr Kapital – auch aus den Schatullen der aktiv agierenden Beteiligungsfonds – in schwindsüchtige US-Banken findet, hat die amerikanische Regierung die Schutzklausel für Beteiligungen an Kreditinstituten vor vierzehn Tagen etwas gelockert. Grossinvestoren dürfen neu nicht nur 25%, sondern bis zu 35% des Kapitals eines Bankinstituts erwerben, ohne gleich selbst alle Bedingungen der US- Bankenaufsicht erfüllen zu müssen.
Die «freundliche Empfehlung» zeigt erste Wirkungen. Goldman Sachs konnte Warren Buffetts Berkshire Hathaway begeistern, und Morgan Stanley holte sich die japanische Mitsubishi UFJ an Bord. Die Private-Equity-Akteure gehen zwar vorsichtig vor, nicht zuletzt weil mit TPG einer der prominenten Mitspieler rückblickend zu früh in die inzwischen notübernommene Washington Mutual eingestiegen war. Dennoch hat die Branche mit dem Erwerb des Asset Management von Lehman Brothers durch Beteiligungsfonds von Bain Capital und Hellman & Friedman erneut klar Position bezogen.
Schwierige Finanzmärkte sind für Private Equity geradezu ideal. Die Akteure sind sich das Umgestalten von Unternehmen und das jederzeitigeNeubewerten ihrer Investments gewohnt. Kaufen, Verändern, Aussteigen und Neuorientieren sind seit je Alltäglichkeiten, und das alles mit Risikokapital, das die vornehmlich institutionellen Anleger für eine bis zu zehnjährige Dauer fest zur Verfügung stellen.
Schweizer Grossanleger wie Pensionskassen und Versicherungsgesellschaften zeigen Bereitschaft, die oft rund 2% des Vermögens erreichende Private-Equity-Quote durchzuziehen. Der Performancebeitrag dieser Anlagen soll über den mehrjährigen Zeitraum betrachtet etwas über der Börsenentwicklung ausfallen. Oft werden drei zusätzliche Prozentpunkte als Ziel gesetzt (vgl. nebenstehende Texte).
Portfoliobewertung schwindet
Dass als Folge der Aktienmarktbaisse auch die Bewertungen der Private-Equity-Fonds schwinden, gilt als ausgemacht, erklärt Bruno Raschle vom Dachfondsanbieter Adveq: «Allerdings findet die Anpassung 12 bis 24 Monate verzögert und zudem oft in begrenztem Umfang statt.» Vor allem in Gefässen für Beteiligungen an kleinen und mittelgrossen Unternehmen hätten erhebliche Wertreserven bestanden. Doch sie seien inzwischen wohl grösstenteils aufgezehrt, ergänzt Raschle.
Die Fonds fördern und entwickeln die Portfoliogesellschaften während mehrerer Jahre, weshalb sich eine Aktienmarktbaisse und die damit oft einhergehende Konjunkturabschwächung bis zum Zeitpunkt desWeiterverkaufs auswachsen können. «Zu vermehrten dauerhaften Wertminderungen oder zum Konkurs von stark fremdfinanzierten Unternehmen in Private-Equity-Besitz kommt es nur, falls die ganzeWelt in eine heftige Rezession schlittert», argumentiert Raschle. Erst wenn die Weltwirtschaft zudem bis zum übernächsten Jahr stillstehen oder schrumpfen würde, könnte nach seiner Einschätzung eine weitere Häufung von Schadenfällen entstehen – denn «2010 werden viele Übernahmefinanzierungen im Segment der grossen Buyouts zur Rückzahlung fällig».
Bald gute Möglichkeiten
Die depressive Lage an den Finanzmärkten würde den Private-Equity-Fonds früher oder später gute Einstiegsmöglichkeiten offerieren, relativiert Raschle. Ist es jetzt im Stil eines Contrarian, eines gegen die Marktstimmung Handelnden, Zeit für den Einstieg? Vielleicht dauert die Korrektur an, und womöglich kommen gewisse Branchen und Unternehmen nicht so rasch wieder zur Hochleistung. «Wenn in Aktien, dann auf jeden Fall auch in nicht kotierte Aktien investieren», empfiehlt Raschle, «aber dabei die Gewinner wählen, und dazu zähle ich die Wachstumsregion Asien, Sektoren mit Bezug zu den wichtiger werdenden Bereichen Umwelteffizienz bzw. Nachhaltigkeit sowie Unternehmen, deren Geschäftsmodell überdurchschnittlich überzeugend ist.»
Im «Supermarkt für Unternehmensanteile», an der Aktienbörse, sind Discountpreise ausgeschrieben. Für Private Equity und andere Langfristanleger ist jetzt Kaufsaison. BILD: KEY