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Published: NZZ, June 20, 2005

Der frühere EZB-Präsident ohne Illusionen

Wim Duisenberg zur Zukunft Europas

von Reinhold Gemperle

Sich nach einer glänzenden Karriere einfach zurückzulehnen, scheint nicht Wim Duisenbergs Sache zu sein. Der gross gewachsene Niederländer mit dem unbändigen weissen Haarschopf, der bis Oktober 2003 als erster Präsident der Mitte 1998 gegründeten Europäischen Zentralbank (EZB) für die Geldpolitik im Euro-Raum verantwortlich zeichnete, ist nach wie vor ein vielbeschäftigter Mann. Davon zeugen seine Verwaltungsratsmandate bei der Fluggesellschaft Air France und bei der Rabobank sowie seine verschiedenen Mitgliedschaften bei gemeinnützigen Organisationen und Kulturinstituten. So hielt er sich vergangenen Dienstag denn auch nur wenige Stunden in Zürich auf, um an der Jahresversammlung der Private-Equity-Gesellschaft Adveq Management AG einen Vortrag zu halten, und flog dann wieder zurück nach Amsterdam. Umso höher ist «Mister Euro» anzurechnen, dass er noch Zeit fand für ein Gespräch, das sich, wie könnte es nach dem Nein der Franzosen und Niederländer zum EU-Verfassungsvertrag anders sein, schwergewichtig um die politische Zukunft Europas und um die europäische Währungsunion drehte.

Der promovierte Wirtschaftswissenschafter, der während 16 Jahren der niederländischen Zentralbank vorstand und dann 1997 nach Frankfurt wechselte, wo er zunächst das Europäische Währungsinstitut, die Organisation zur Vorbereitung der EZB, präsidierte, hat schon immer eine klare Sprache gesprochen. So erstaunt auch nicht, dass er sich zur Zukunft des alten Kontinents zwar nicht tief besorgt gibt, aber doch sagt: «Es läuft nicht gut.» Schritte in Richtung einer politischen Union seien nun nach der «enttäuschenden» Ablehnung der EU-Verfassung für etliche Jahre undenkbar, sagt Duisenberg. Dies sei umso wahrscheinlicher, als es zurzeit in Europa an «Leadership» fehle. Hat dies auch negative Folgen für die Währungsunion? Sein Nein kommt wie aus der Pistole geschossen, und zwar mit der Begründung, die EZB sei unabhängig. Damit lobte er gleichsam seinen Nachfolger in Frankfurt, Jean-Claude Trichet. Der Franzose setzt nämlich allen politischen Pressionen aus Paris, Berlin und Rom für monetären Schlendrian zum Trotz die konsequent stabilitätsorientierte Geldpolitik seines Vorgängers fort.

Allerdings gibt der 69-jährige Duisenberg fast im gleichen Atemzug zu bedenken, dass mit einer unabhängigen EZB allein der langfristige Erfolg der Währungsunion nicht garantiert werden könne. Schon beim Abtreten von der Kommandobrücke der EZB schrieb er den Regierungen der Euro-Länder ins Stammbuch, dass eine Aufweichung des EU-Stabilitätspakts, der finanzpolitische Disziplin auf nationaler Ebene garantieren soll, ein «Desaster» für Europa wäre. Leider ist eine solche «Reform» des Pakts inzwischen Realität geworden. Haben wir jetzt also das Desaster? Noch nicht zwingend, meint er nach kurzem Zögern. Was der neue Pakt wert sei, werde sich beim «Defizitsünder» Italien konkretisieren. Dieses Land, das in Duisenbergs Urteil keine mildernden Umstände für das übermässige Loch in der Staatskasse geltend machen kann, müsse im Dezember unbedingt «bestraft» werden. Der polyglotte Duisenberg - er spricht mehrere Sprachen fliessend - fügt aber auch an: «Ich bin nicht zuversichtlich, was den Pakt betrifft.»

Vielleicht sind es diese möglichen negativen Entwicklungen, die den passionierten Weintrinker und Golfspieler zur Bemerkung veranlassten, die Zeit in Frankfurt sei sehr interessant gewesen, aber seinen selbstgewählten vorzeitigen Rücktritt vom Amt des EZB-Präsidenten habe er nie bereut. Zwar sei er noch immer «ziemlich» beschäftigt, aber das Leben lasse sich jetzt doch weniger hektisch gestalten. Sein Ferienhaus in der Provence sei mittlerweile modernisiert und dergestalt ausgebaut, dass das Anwesen als ständiger Wohnsitz in Südfrankreich gewählt werden könnte. Ob das Ehepaar Duisenberg dies auch wirklich zu tun gedenke, blieb die einzige unbeantwortete Frage in einem Gespräch, das anregender nicht hätte sein können.


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